Bertha
„Ach Herrgott, könntest mir nicht doch einen Mercedes Benz kaufen!“ Mit dieser Anfangszeile besang 1970 der US-Rockstar Janis Joplin im Song „Mercedes Benz“ den deutschen Autohersteller als Sinnbild für Luxus. Selbst die sprichwörtliche Qualität der Produkte mit dem Stern konnte im Jahr 1983 nicht verhindern, dass die Gruppe D.Ö.F. im Lied „TAXI“ vergeblich „auf das Brummen von einem Mercedes Diesel“ wartete. In diesen Tagen zertrümmert der Brite Lewis Hamilton mit seinen Erfolgen in einem „Silberpfeil“ alle bisherigen Langzeitrekorde der Formel I.
Carl Benz dürfte sich das alles nicht einmal zu hoffen gewagt haben, als er seine Firma gründete. Der Anfang war steinig. 1888 war der Benz Motor-Patentwagen 3 fertig gebaut, aber niemand wollte ihn kaufen. Sogar die Mitgift seiner Frau Berta wurde in die Entwicklung des Motorwagens gesteckt. Doch zu neu war die Technik. Es gab keine Erfahrungswerte. Es gab keine Infrastruktur. Niemand hatte Vertrauen in dieses lärmende Fortbewegungsmittel. Ohne Ihrem Mann zu informieren, schnappte sich Berta die zwei gemeinsamen Kinder und fuhr mit Ihnen auf dem Patentwagen von Mannheim nach Pforzheim (106 km) um Ihre Familie zu besuchen und drei Tage später wieder retour. Das machte die Medien aufmerksam und verschaffte der neuen Technik zum Durchbruch. Der Rest ist Auto-Industriegeschichte. Soweit die historisch belegten Daten.
Über die damaligen Diskussionen in den Wirtshäusern kann heute nur noch gemutmaßt werden. Was wird da wohl gesprochen worden sein?
Der Fuhrwerker wird gepoltert haben: „Jede kleine Einspänner kann mehr Lasten befördern, als ein solches Klappergestellt! “
Der Bauer: „Würde sich das durchsetzen, müsste ich mein ganzes Heu verrotten lassen! Niemand würde mehr die Wiesen pflegen!“
Der Viehzüchter: „Ich mache mir keine Sorgen! Auf der Überlandstrecke werden diese Fahrzeuge weiterhin einen Ochsen vorne anspannen müssen. Mit den kleinen Benzintanks werden die nicht weit kommen! Jede Pferdekutsche ist praktischer und schneller!“
Der Kaufmann: “Wir können auf die Ochsen nicht verzichten! Dieses moderne Zeugs wird bei Regen auf schlechten Wegen stecken bleiben und den Pferdefuhrwerken die Wege versperren. Wir brauchen freie Wege, damit meine Kundenbestellungen pünktlich bei mir ankommen!“
Der Apotheker: „Leute, Benzin gibt es doch nur bei mir zu kaufen. Der ist aber für die Wundversorgung gedacht. Wenn da alle so ein Vehikel haben, reichen mein Lagermöglichkeiten niemals aus!
Der Arzt: „wenn diese Motorkutschen den ganzen medizinischen Benzin verbrauchen, werden Menschen mit kleinsten Verletzungen an Wundinfektionen sterben!“
Der Knecht: „mit diesen knatternden Ungetümen traue ich mich dann nicht mehr auf die Straße. Stellt euch vor wie gefährlich das sein wird, wenn an jeder Ecke ein Pferd durchgehen wird.“
Der Bürgermeister: „Lasst mich nur mit diesem Unfug in Ruhe! Ich will nicht daran denken: Wenn riesige Tanklager vollgefüllt mit Benzin mitten in Dörfern und Städten stehen. Nur ein Funke würde für eine Katastrophe reichen!“
Der Feuerwehrmann: „Ist doch idiotisch. Ein Löschwagen darf niemals mit einem Tank voll Benzin zu einem Brand fahren! Da würde ja zu aller erst der Feuerwehrwagen selbst in die Luft fliegen!“
Der Kaplan: „Feuer, Rauch und Schwefelgestank. Teufels Werk!“
Aus damaliger Sicht werden nur wenige diesen Argumenten widersprochen haben. Es erfordert geschichtliches Hintergrundwissen und die Bereitschaft sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen um solche Gedankengänge einigermaßen nachvollziehen zu können. Heute betrachtet, erscheinen diese Überlegungen lächerlich.
Drehen wir das Zeitrad weiter in die nähere Vergangenheit. Im Jahr 2008 brachte der Tech-Milliardär Elon Musk mit dem Tesla Roadster das erste elektrische Serienfahrzeug mit Batterien basierend auf Lithium-Ionen Technologie auf den Markt. Wie seinerzeit Berta Benz verstand es Elon Musk die Menschen für die neue Technologie zu begeistern und verschaffte Ihr den Durchbruch.
Erstaunlicher Weise gibt es aber 130 Jahre nach der Pionierfahrt von Berta Benz wieder die gleichen Argumente zum Thema E-Mobilität zu hören und lesen, die seinerzeit wohl auch Berta und Carl Benz zu hören bekamen. Und wieder werden wir in wenigen Jahren technischer Entwicklung milde schmunzeln.
Könnte Berta Benz heute zu diesem Thema befragt werden, würde sie wohl den legendären Sager des ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky aus 1981 zitieren: „Lernens ein bissl Geschichte...!“
meint derdachwirt, September 2021
Quellen:
Mercedes Benz Lied, Janis Joplin
Mercedes Silberpfeil, Geschichte
Benz Patent-Motorwagen
Bertha Benz
Video: Die Reise, die alles veränderte
Tesla Automobil, Geschichte
Bertha Benz, Foto: Wikipedia